Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben wird weiter wachsen

 

Interessenvertretungen, Belegschaften und Einrichtungsträger stehen gleichermaßen vor großen Herausforderungen. Es gilt das Selbstbestimmungsrecht der Menschen mit Handicap deutlich zu stärken und trotz der Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben gute, gesundheitserhaltende Arbeitsbedingungen abzusichern.

 

Wenn in den Jahren 2017 bis 2019 Einrichtungsträger mit einer Erhöhung der Entgeltsätze von sage und schreibe 4,2% klar kommen müssen, währenddessen im gleichen Zeitraum die Entgelte der Beschäftigten einen Anstieg von mehr als 8% verzeichnen, dann sind tiefere Mathematik-Kenntnisse nicht vonnöten, um zu verstehen: Es sind harte Zeiten, die bevorstehen – für alle Beteiligten!

 

Der Gesetzgeber hat beim Bundesteilhabegesetz (BTHG) durchaus mit offenen Karten gespielt. Er hat von vornherein klar zu verstehen gegeben, was ein Hauptziel ist: Eindämmung der so genannten Kostendynamik.

 

Es sei dahin gestellt, ob die strukturelle und inhaltliche Neuausrichtung allgemein gesehen nicht auch neue finanzielle Aufwendungen erfordern. Bedeutsam ist: Bei Einrichtungsträgern zeigt der Daumen 2019 nach unten! Die Parole „Sparen“ wird vermutlich überall ausgegeben werden, es stellen sich daher auch überall die gleichen Fragen: Erfolgen Einsparungen auf Kosten des Personals und damit auch der pädagogischen Qualität oder können Maßnahmen ergriffen werden, die keine weitere Arbeitsverdichtung zur Folge haben, aber trotzdem effektiv sind? Steht das das kurzfristige Stopfen von Finanzlöchern im Mittelpunkt der Maßnahmen oder werden strategische Überlegungen nach vorne gerückt?

 

Auf der Fortbildungsveranstaltung des AKAB am 23. Januar in Kelkheim gab es einen intensiven Gedanken- und Erfahrungsaustausch zum aktiven Eingreifen von Interessenvertretungen. Unter anderem wurde formuliert: Ein betriebliches Gesundheitsmanagement, das seinen Namen verdient, wäre extrem hilfreich, auch wenn es natürlich nicht alle Probleme lösen könnte. Perspektivisch werden Einrichtungsträger nur dann in Konkurrenz mit anderen Anbietern „am Markt“ bestehen können, wenn sie eine motivierte und gesunde Belegschaft in die Waagschale werfen können. (hs)

 

Nachlese Fortbildungen

Indirekte Steuerung als Hauptursache für psychische Belastungen

 

Krokodile statt Pistolen – Dr. Klaus Peters spricht von „interessierter Selbstgefährdung“

 

 

 

Zum Vortrag von Dr. Klaus Peters auf der Betriebsversammlung in der Reha-Mitte am 16. Mai kamen mehr als hundert KollegInnen. Seine zentrale These: In den Unternehmen geht es heute darum, die Leistungsdynamik von Selbständigen und Freiberuflern bei unselbständig Beschäftigten hervorzurufen.

 

Was zeichnet den Freiberufler, den so genannten „Existenzgründer“ aus? Er schuftet auch, wenn er wenig oder gar nichts verdient; er arbeitet im Zweifel rund um die Uhr; er hat oft nur wenige oder gar keine Freiräume; er nimmt im Zweifel keine Rücksicht auf seine Gesundheit. Hinter ihm ist das Krokodil her!

 

Dieses Organisationsprinzip nennt er „Indirekte Steuerung“ und seine zentrale Aussage lautet: Dieses Organisationsmodell hat die direkte Steuerung als Führungsmodell abgelöst, was nicht notwendigerweise eine bewusste Unternehmensentscheidung sein muss. Jede(r) könne für seinen eigenen Arbeitsplatz überprüfen, ob direkte („Kommandosystem“) oder indirekte („Krokodilsmodell“) Steuerung vorliegt

 

  • (direkt) Übernimmt mein Vorgesetzter die Garantie für die Ausführbarkeit der Anweisung?

 

(indirekt) Oder ist die Ausführbarkeit mein Problem, und ich muss selber zusehen, wie ich es schaffe?

 

  • Reicht es, wenn ich meine Leistung gebracht habe?

 

Oder muss ich mich am Ende durch Ergebnisse rechtfertigen?

 

  • Genügt es, wenn ich mich auf die fachliche Seite meiner Arbeit konzentriere?

 

Oder muss ich gleichzeitig betriebswirtschaftliche Aspekte, z. B. Budgetvorgaben im Blick haben?

 

Die neue Form der Leistungsbemessung, dass Erfolg an die Stelle von Leistung tritt, kann für jeden Einzelnen schwerwiegende Konsequenzen haben:

 

  • Ich erlebe Ungerechtigkeitserfahrungen, wenn der Erfolg ausbleibt, obwohl die Leistung gestimmt hat
  • Ich erfahre durch den Gruppendruck Gefühle von Vereinzelung und individuellem Versagen („Wenn der Druck vom Team ausgeht, bin ich mutterseelenallein“)
  • Ich fühle mich innerlich zerrissen , weil Konflikte, die ich früher mit jemand anders hatte, ich nun mit mir selbst habe („Wissen, das für mich gut ist, aber tun, was für mich schlecht ist“)

 

Klaus Peters hat am Ende seiner Ausführungen zu der Frage: Was tun? wichtige Empfehlungen gegeben: Selbst ins Denken kommen und miteinander darüber reden! Diskussions-Räume schaffen, in denen relativ angstfrei miteinander umgegangen werden kann. Die Folgen der indirekten Steuerung als gemeinsames Problem erkennen und nicht als individuelles Scheitern begreifen.

 

Fortbildungsveranstaltung des AKAB am 25. Januar 2017 in Hephata

 

Gewaltprävention als Handlungsfeld für betriebliche Interessenvertretungen

 

AKAB-Fortbildung beschäftigt sich mit Gewalterfahrungen am Arbeitsplatz und dem Umgang mit solchen Ereignissen

 

Die Diskussionen in den Arbeitsgruppen haben deutlich gezeigt: Fast jeder hat verbale und körperliche Übergriffe schon erlebt, ein offener und tatsächlich auf Problemlösung abzielender Umgang ist stark von der Haltung der Leitungskräfte abhängig.

 

Es könne vermutet werden, so der Tenor, dass es eine hohe Dunkelziffer von herausforderndem Verhalten mit Folgen für einzelne KollegInnen gebe – in Form von psychischer Belastung, die auch nach dem Ende eines Arbeitstages nachwirkt. Fehlende Dokumentationen seien Ergebnis einer beruflichen Haltung, dass Übergriffe faktisch zur Stellenbeschreibung dazu gehören und zu akzeptieren seien.

 

Einige Diskussionsbeiträge haben auf die Problematiken hingewiesen, die aus dem engen Zusammenhang von sich verschlechternden Arbeitsbedingungen - Personalengpässe, ungenügende Einarbeitung von neuen KollegInnen – und der Zunahme von herausforderndem Verhalten resultieren.

 

In jeder Einrichtung, so die Rückmeldungen der Betriebsräte, gibt es (meist) eine Vielzahl von Vereinbarungen und Handlungsleitlinien. Ob sie wirklich gelebt werden hängt in erster Linie davon ab, wie sehr Geschäftsführungen und Leitungskräfte die Gewaltprävention als wichtige Fürsorgepflicht erkennen.